29.04.2012 Frankfurt – Düsseldorf
29 Apr
10:00 Uhr: “Charly! Telefon!” Die Stimme meiner Frau holt mich jäh aus meinem Dusel. Ich blinzle mit einem Auge und sehe meine bessere Hälfte neben dem Bett stehen, in der einen Hand eine große Tasse Kaffee, in der anderen das Telefon. Ich richte mich auf, schlucke einmal runter und nehme beides entgegen. “Wer ist es denn?”-”Firma!” lautet die knappe Antwort, wobei ihre Stimmlage nichts Gutes signalisiert. Mir schwant Übles… – Sonntag Morgens, um die Uhrzeit? Das kann nur eine Änderung im Einsatzplan bedeuten. “Ja bitte?” frage ich etwas verschlafen. An dem anderen Ende der Leitung ist die Stimme eines Mitarbeiters aus der Einsatzzentrale, der Abteilung mit dem malerischen Namen “Crew-Contact”, zu hören. “Tut mir schrecklich leid, wenn ich Sie jetzt aus dem Bett geholt habe, Sie haben ja offiziell noch frei, aber wir haben da eine ‘Situation’, und ich dachte ich ruf Sie so früh wie möglich an. Ist das okay?”-”Gegessen. Sie haben sicherlich Ihre Gründe.” ,antworte ich, “Was gibt’s?” Während ich ein paar Schlücke Kaffee schlürfe erklärt mir die Stimme am anderen Ende das Problem: Eine andere Besatzung wird wegen eines technische Problems an ihrem Flugzeug, dass sich derzeit in Miami befindet und der Verzögerung wegen der Reparatur aus “ihrer Zeit fallen”. Das heisst, sie kann ihren weiteren Dienstplan, nicht so wie schon vor Wochen geplant weiter durchführen. Jetzt muss überall geschoben werden. Das ist eigentlich nichts besonderes und auf solche Dinge ist jede Airline vorbereitet. Die in Frage kommenden Standby-Crews, die für solche Fälle Bereitschaftsdienst haben und dann einspringen sollen, sind aber bereits alle verplant, hinzu kommt, dass sich gleich zwei weitere Kollegen krank gemeldet haben und eine weitere Crew verspätet zurück gekommen ist und daher den Flug nicht durchführen darf. Die gut verzahnte, filigran abgestimmte Ideal-Planung ist also gänzlich über den Haufen geworfen. Die Einsatzzentrale möchte daher meinen Dienstplan kurzfristig verändern, dazu muss ich aber zustimmen, so sehen es unsere internen Absprachen mit dem Flugbetrieb vor. – “Wo soll es wann hingehen?” frage ich, nachdem mir der Planer mit seiner besten Kreidestimme sein Dilemma erläutert hat. Nachdem mein Gegenüber wohl noch ein Ladung Kreide eingeworfen hat, kommt dann: “Na ja, wenn es von Ihnen aus okay ist, würden Sie heute gegen 14 Uhr mit der Bahn nach Düsseldorf proceeden, da dann ins Hotel und dann Morgen mit der EA 550* nach New York. Ein Kurztripp, am Mittwoch Morgen sind sie wieder hier. Wir versuchen Sie dann so schnell wie möglich auch wieder in Ihren alten Plan einzugliedern, die genauen Details bekommen Sie auf jeden Fall morgen, noch vor dem Abflug. Großes Ehrenwort. Finde ich gaaanz toll, dass Sie so kooperativ sind!”- “Ist in Ordnung. Schicken Sie mir ne Mail.” antworte ich, und merke, dass der Kaffee erst jetzt zu wirken scheint. Bevor ich noch was sagen kann, hat sich der Crew-Contacter überschwenglich bedankt und aufgelegt.
Ich werde wach. Eigentlich hasse ich diese Überfall-Kommandos. Die wissen ganz genau, warum sie die Leute zu solchen Zeiten anrufen, schiesst es mir durch den Kopf. Andererseits kann man ja auch nicht einfach das Telefon abklemmen… – Also wieder nach USA. Na prima! Meine Begeisterung hält sich im Grenzbereich. Ein Tagflug, gefolgt von der vorgeschriebenen Mindestaufenthaltszeit in New York und dann wieder in der Nacht zurück. Okay, dass heißt: in die Gänge kommen, der Familie erklären, dass sich die weitere Planung wohl erst einmal verändert (eigentlich sollte ich in den nächsten Tagen Kurzstrecken-Umläufe in Deutschland fliegen und wäre – eigentlich – jeden Abend zuhause gewesen. – Mittwoch, Mittwoch, Mittwoch? War da nicht was? – Mist! Klar: Konzertkarten. Aber wenn alles nach Plan läuft, können meine bessere Hälfte und ich ja am Abend diesen Termin trotzdem wahrnehmen. Bis dahin müsste ich wieder fit sein, ansonsten hoffe ich schon jetzt, dass ich im Konzertsaal nicht einschlafe oder gar schnarche.
10:30 Uhr: Sonntags-Brunch in der Küche. Meine Familie ist nicht sehr begeistert, aber sie hat sich schon daran gewöhnt, dass es in meinem Job immer kurzfristig zu irgendwelchen Änderungen kommen kann. Meine Frau ermahnt mich noch einmal, dass ich auf jeden Fall nicht den Konzertbesuch am Mittwoch Abend vergessen soll. Ist seit fast einem Jahr das erste Mal, dass wir Abends und gemeinsam mit ein paar guten Freunden einem solchen Kulturereignis beiwohnen wollen.
11:30 Uhr: Ich packe wieder meinen Koffer und checke die Mails in meinem Postfach. Keine 5 Minuten, nachdem ich das Gespräch mit dem Crew-Contacter beendet hatte, war die Mail mit den Einsatzdetails schon angekommen. Der hatte die bestimmt schon unter dem Finger, als er mich angerufen hat, denke ich mir. Mein Zug fährt schon um 13:43 Uhr ab Frankfurt-Flughafen. Von wegen, gegen 14 Uhr!!! Ich muss mich beeilen. Eigentlich hätte ich nach meinem alten Plan erst um 15:00 Uhr am Flughafen sein müssen. Meine vorgeschrieben Ruhezeit, in der ich keinerlei dienstliche Verpflichtung wahrnehmen darf, endet aber um 13:40 Uhr. Abfahrt um 13:43 Uhr ist daher völlig legal und im Einklang mit den Vorschriften. Langsam ärgere ich mich, dass meine Frau ans Telefon gegangen ist. Andererseits: was tut man nicht alles für seine Firma und die lieben Kollegen? !
12:10 Uhr: Der Abschied von Zuhause ist diesmal sehr kurz ausgefallen. Ich sitze im Auto und mache mich auf den Weg zum Flughafen. Zum Glück nicht so viel Verkehr, aber es wird trotzdem knapp. Ich fahre etwas schneller als sonst. Immerhin muss ich noch vom Parkplatz den langen Weg bis ins Terminal und dann in den Fernbahn-Bahnhof zu Fuss zurücklegen. Na ja, zum Glück gehört die Deutsche Bahn ja nicht zu den Weltmeistern in Pünktlichkeit. Wenn wir so operieren würden wie die, wären wir wohl schon lange Pleite. Garantiert hat der Zug ein paar Minuten Verspätung und mit einem strammen Spurt durch das Terminal müsste ich es schaffen. – Dann muss ich nur noch in Köln umsteigen und bin um 15:20 Uhr in Düsseldorf. Irgendwie hämmert es in meinem Hirn: Du hast was vergessen! – Will mir aber nicht einfallen.
13:30 Uhr: Dem bayerischen Hersteller meines Gefährts sei Dank, dass er ein paar Pferdestärken mehr unter die Haube gepackt hat. Parkplatzsuche im Parkhaus der Firma. Für einen Sonntag ist hier ziemlich viel los. Aber auch das ist normal. Blöd nur, dass nur einer der Fahrstühle funktioniert. Na ja, unter der Woche wäre das wohl schon längst behoben. Aber es muss ja nicht jeder Haustechniker, so wie wir, auch an Sonntagen arbeiten. Endlich kommt der Lift und ich fahre ins Erdgeschoss. Jetzt heißt es: “zügiger Laufschritt”.
Vorbei an den Reisenden für die ich wohl ein ziemlich gehetztes Bild abgeben muss. Ein Kapitän in vollem Ornat und mit Mantel und Koffer, inklusive Flight-Kit rennt durch die Gänge, meidet alle Laufbänder auf denen Reisende relaxed nebeneinander den freien Durchgang versperren. – Da sind andere Länder etwas fortschrittlicher “Links gehen, rechts stehen”. Egal. Die Uhr zeigt 13:42 Uhr. Schon öfters habe ich mich gefragt, warum der Weg so endlos lang sein muss, aber das haben Flughäfen wohl so an sich. Das Gleis ist auch noch ausgerechnet eines der Hinteren. Ich lege zwar noch einen Zahn zu, merke jedoch wie ich langsam in Schwitzen kommen. Die Air-Conditioning haben die hier auch nie im Griff, schiesst es mir durch den Kopf. Ich habe die Treppe zum Gleis erreicht und sehe aus dem Augenwinkel, dass heute die Deutsche Bahn offenbar ausgerechnet mal überpünktlich ist. Der Zug rollt gerade an… 13:43 und 30 Sekunden. Sch….!
13:45 Uhr: Zug verpasst! Ein Blick auf den Fahrplan: der nächste kommt um 13:58 Uhr, ist aber 2 Stunden 33 Minuten nach Düsseldorf unterwegs. Zum Glück geht noch ein ICE um 14:09 Uhr mit Umsteigen in Köln, Ankunft 15:31 Uhr also nur 1 Stunde 22 Minuten Fahrzeit.
14:00 Uhr: Zufällig fällt mein Blick auf die Anzeige am Gleis: Der ICE 208 wir voraussichtlich 15 Minuten später eintreffen. – Na prima! Umsteigezeit in Köln war 5 Minuten. Aber, iPhone macht’s möglich, die nächste Verbindung ab Köln ist um 15:31 Uhr, zwar ein Bummelzug, doch mir soll es egal sein. Hauptsache ich bin irgendwann in Düsseldorf.
14:30 Uhr: Sitze in einem gut vollen ICE auf dem Weg nach Norden. Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe: Ich hätte mir was zum Lesen mitnehmen sollen, eine Sonntagszeitung wäre jetzt nicht schlecht. Leider liegt auch keine irgendwo mehr rum. Ich hab zwar ein Buch im Koffer, aber den möchte ich jetzt nicht unbedingt vor allen Leuten auspacken. Hinter mir sitzt ein Mister Wichtig, der offenbar aus Langeweile pausenlos und recht lautstark via seinem Handy irgendwelchen Bekannten und Freunden mitteilen, dass er jetzt im Zug nach Köln sitzt.
15:30 Uhr: Tja, die Bahn! Wir stehen jetzt schon seit 5 Minuten auf der malerischen Eisenbahnbrücke über den Rhein und warten auf die Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof. Das wird wohl auch nix mit dem Anschluss. Aber immerhin ist Köln ja ein Knotenpunkt. Nächste Möglichkeit: IC um 15:46 Uhr vom Gleis gegenüber. Na denn…
16:10 Uhr: Düsseldorf. Jetzt ins Taxi und ab ins Crew-Hotel in einem Gewerbegebiet auf der anderen Rheinseite. Dafür liegt es relativ nah am Flughafen. Essenstechnisch allerdings wiederum ein größeres Problem.
16:30 Uhr: Leichte Verwirrung beim Check-In im Hotel, mein Name steht nicht auf der Liste. Nach einem Telefonat mit der Firma ist dann alles geklärt, ich bekomme ein Zimmer. Ich schalte das Laptop ein und beantworte ein paar Emails und lese, was sich in der letzen Woche so alles getan hat. Meine Interessenvertretung, die Vereinigung Cockpit, hat eine deutliche Position zu der geplanten Neuregelung der Flugdienstzeiten bezogen. Dabei wurden sie sogar von dem deutschen Verband der Flugmediziner unterstützt und auch die Vertretung der Flugbegleiter zieht mit. Immerhin wurde das Thema sogar in den ARD Tagesthemen aufgegriffen. Schaue mir den Beitrag in der ARD Mediathek noch einmal an. Das was der Kollege da sagt, kommt mir ziemlich bekannt vor…Na mal sehen, ob das bei den Herrschaften bei der EASA, die ja diesen ganzen Mist verzapft haben, auch den notwenigen Eindruck hinterlässt. – Bin da noch eher skeptisch.
18:00 Uhr: Mache noch einen ausgedehnteren Spaziergang und gehe dann in einem kleinen, gut-bürgerlichen Restaurant Spargel Essen. Das stand eigentlich bei uns zuhause für Morgen auf dem Speiseplan, aber da schippere ich ja jetzt 200 Tonnen Flugzeug mit bis zu 280 Seelen an Bord nach New York.
20:30 Uhr: Noch etwas Fernsehen zur Zerstreuung und dann schlafen. Bin zwar nicht so richtig müde, aber der Tag morgen hat wieder ein paar Stunden mehr als sonst, also gut ausgeruht sein. Andererseits sollte ich mich vielleicht doch noch etwas wach halten, da der Dienst ja erst um 12 Uhr anfängt, Abholung im Hotel um 11:20 Uhr und ich daher etwas länger schlafen könnte. Irgendwann bin ich dann weggeduselt, das TV flimmerte wohl noch, hab es dann wohl irgendwann später ausgeschaltet.
* wie in der Einleitung beschrieben, verändern wir hier die realen Flugnummern, Umläufe, Daten und Gesellschaften, damit den Kolleginnen und Kollegen, die das hier geschilderte erlebt und uns mitgeteilt haben, nicht demnächst eine “spontane Einladung” – ohne die sonst übliche Tasse Kaffee – zum jeweiligen und in solchen Fällen dann meist doch sehr “unentspannten” Vorgesetzten erhalten. brgds “die Redaktion”


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