Kommandanten-Entscheid
7 Mai
In der Luftfahrt kommt es immer wieder mal aus den unterschiedlichsten Gründen zu Verspätungen. So kann es passieren, dass die gesetzlich erlaubte maximale Arbeitszeit nicht ausreicht, um einen Flug noch durchzuführen. Sind diese Verspätungen unvorhergesehen, so hat der Kapitän die Möglichkeit, die maximal erlaubte Dienstzeit, nach Befragen der Besatzung, per “Kommandanten-Entscheid” zu verlängern. Befinden sich zwei Piloten im Einsatz, so darf um bis zu zwei Stunden verlängert werden, wobei 15 Stunden nicht überschritten werden dürfen. Befinden sich drei Piloten im Einsatz (oft auf sehr weiten Interkontinentalstrecken üblich), so darf um drei Stunden verlängert werden. Dabei dürfen 21 Stunden nicht überschritten werden.
Eine Studie der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde FAA hat aber bereits 2003 nachgewiesen, dass mit zunehmender Dienstlänge für einen Piloten die Wahrscheinlichkeit in einen Flugunfall verwickelt zu werden, dramatisch zunimmt. (vgl. Goode Studie, FAA)
Wie man heute weiß, kann der Mensch auch nicht genau einschätzen, wie stark seine Leistungsfähigkeit aufgrund zunehmender Müdigkeit nachlässt (vgl. Unfallberichte NTSB/AAR-08-02, Juni 2008; NTSB/AAR-08-01, April 2008). Der Kapitän kann also eigentlich gar nicht zuverlässig entscheiden, ob er noch wirklich fit genug ist, um den Flug sicher zu vollenden, genau so wenig können es eigentlich die anderen Besatzungsmitglieder, die er vor einem solchen Entscheid persönlich und einzeln befragen muss.
Ein verschärfendes Element ist, dass Computer in der Einsatzplanung heutzutage ermöglichen, dass die Arbeitstage sehr exakt an das erlaubte Maximum heran geplant werden. Schon kleinere Verspätungen müssen dann zu einem Kommandanten-Entscheid führen, will die Besatzung noch zu ihrem letzten Ziel gelangen. Das Flugzeug mit allen Passagieren stehen zu lassen, machen Besatzungen natürlich sehr ungern. Dieser Umstand ist auch den Arbeitgebern bekannt. Bei manchen Einsätzen entsteht der Eindruck, dass Flugdienste teilweise schon so geplant werden, als ob erwartet werden würde, dass die Kapitäne einen Kommandanten-Entscheid fällen. Damit würde die maximale Schichtzeit über Umwege ausgeweitet.
Auch der von der EU in Auftrag gegebene Moebus Report sagt klar aus, dass man nicht länger als 12 Stunden Dienstzeit ansetzen sollte. Dieser Bericht von 10 renommierten europäischen Wissenschaftlern, wie auch die der FAA nehmen allerdings noch nicht einmal Bezug auf den eigentlich entscheidenden Faktor für die Ermüdung, nämlich die Zeitspanne, die man schon wach ist (Wachzeit).
Der Kommandanten-Entscheid verstößt gegen wissenschaftliche Untersuchungen und medizinische Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit des Menschen und erhöht die Unfallgefahr um ein Vielfaches einseitig zugunsten der wirtschaftlichen Interessen der Luftfahrtgesellschaften. Trotzdem plant die Europäische Agentur für ‘Flugsicherheit’, EASA mit der Neuregelung der Flugdienstzeiten die Möglichkeit einzuräumen, dass die Flugdienstzeit im Zwei-Mann Cockpit zukünftig sogar bis auf 16 Stunden per Kommandanten-Entscheid verlängert werden kann…


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